Die Schatten werden länger, wachsen als unheimliche, bizarre Monster auf der feuchten Wiese entlang und scheinen mich gefangen nehmen zu wollen.
Mein Herz wird schwer, als läge es in dicken, drückenden Fesseln.
Gedanken an alte Heldensagen werden wach; längst vergessene Götter scheinen am Firmament um die Vorherrschaft zu kämpfen, jagen grollend aufeinander los; es blitzt jedes Mal, wenn sie aufeinandertreffen.
Wie Schweißtropfen ihrer Kampfrosse fallen silbrig schillernde Perlen auf mich herab und durchdringen meine Kleidung schonungslos, um sich bedächtig auf meiner schwitzigen Haut erfrischend auszubreiten.
Wie ein Pfeil schießt ein gellender Blitz auf die ruhende Erde, erhellt, blendet die Szene für einen Augenblick, um mit erschreckendem Krachen wieder der Dunkelheit zu weichen.
Plötzlich ist es still; kein Tropfen fällt vom Himmel; kein Blatt regt sich.
Carlo senkte nachdenklich seinen Blick. „Mag sein..., ihr Vater und ihre drei älteren Brüder schufteten in der Reparaturwerkstatt, bis sie krumm waren, und hatten keine Zeit für sie. Die Mutter war damals auch schon zehn Jahre tot..., ja – vielleicht wollte sie wirklich nur ausbrechen.“
„... und soweit ich das beurteilen kann, ging das wohl voll in die Binsen...“
Beide schwiegen einen Moment lang, dann schüttelte Carlo den Kopf: „München hat ihr kein Glück gebracht, sei es als Mannequin, sei es beim Film, wo sie nur eine einzige kleine, stumme Rolle bekam. Ihr unbeschwertes Wesen, die fast schon naive Offenheit, die sie ausstrahlte, war einfach nicht gefragt.“
„Sie ist kein Großstadt-Typ.“
„Wahrscheinlich ist ihr das doch klargeworden. Nach unserer Trennung hat sie zwar noch eine Zeitlang als Mannequin gearbeitet, zog aber dann zurück nach Bad Tölz. Zweiundzwanzig war sie damals – vor zwei Jahren...“
„Hast du wieder mal von ihr gehört?“
„Hallo Michael“, säuselte sie in der ihr eigenen Art, die er damals so geliebt, nach dem Bruch der Beziehung aber gehasst hatte.
Ohne etwas zu sagen hob er sein Glas und prostete ihr lässig zu.
„Immer noch der schweigsame, obercoole Typ, was?“ Sie schien sich wohl eine freundlichere Begrüßung erwartet zu haben.
„Und wenn...“, raunte Michael.
„Na hör mal! Wir haben uns seit der Schulzeit nicht mehr gesehen, und schließlich waren wir doch auch einmal ein Paar!“
Auf einen Schlag waren alle Erinnerungen an die Zeit mit Grit wieder gegenwärtig, und Michael spürte, dass er den Schmerz aus dieser Zeit noch nicht verarbeitet hatte.
„Dass du dich noch an unsere Freundschaft erinnerst! Schließlich hattest du ja schnell Ersatz für mich gefunden...“
„Du bist wohl immer noch böse, dass ich damals mit dir Schluss gemacht habe?“ fragte sie und wirkte gar nicht mehr so lieblich.
„Böse? Das Thema habe ich abgebucht – auf das Konto Erfahrungen! Du bist mir einfach egal, nennen wir´s mal so.“
Nun war sie nicht eine Frau, die sich auf diese Art und Weise abfertigen ließ. Schon gar nicht konnte sie die Vorstellung ertragen, einem Mann egal zu sein.
Michael hatte sie an ihrer empfindlichsten Stelle, ihrer Eitelkeit getroffen.
Empört fauchte sie zurück: „Ich hätte mir beinahe wegen dir mein Abi versaut!“
„Du nur beinahe – ich richtig!“ konterte er unbewegt.
„Du bist immer noch der widerwärtige Eisklotz, und ich blöde Kuh habe mich damals mit dir eingelassen!“
Durch schrillen Piepston verursachter Abbruch eines Traumerlebnisses.
Versuch visueller Orientierung in Verbindung mit isometrischen Dehnungsübungen.
Körpergrund- und Zahnpflege nach erfolgter Blasen- und Darmentleerung.
Anlegen vorbereiteter Konfektionskleidungsstücke zur Verhinderung eines Körpertemperaturverlustes sowie zur Steigerung der personenbezogenen Öffentlichkeitskonformität.
Zeitkontrolle.
Hinunterstürzen in lauwarmen Leitungswasser aufgelösten Instantkaffees.
Aufbruch.
Mehrmaliger, vergeblicher Versuch, das Automobil in Betrieb zu setzen.
„Ausscheidungsprodukt zur Verwendung als Dung!“
Ersatzweise Benutzung eines Velozipeds zur Zurücklegung des Weges zur Arbeit.
Bei Betreten des Arbeitsplatzes Einsetzen von Magendrücken, Kopfschmerzen und Tremor an den Händen.
Widerwillige Aufnahme der Abwicklung inkomplett bearbeiteter Geschäftsvorgänge.
Unter Missachtung höflicher Umgangsformen vorgetragene Aufforderung, unverzüglich im Büro des Arbeitgebers präsent zu sein.
Geheuchelte Höflichkeitsfloskel bei Gegenübertreten des Vorgesetzten.
Keine Erwiderung seinerseits, sondern abwertende Handbewegung mit Hinweis auf fehlerhaft erledigte Akten sowie Erhebung der Stimmgewalt zum Zwecke einer Zurechtweisung des Angestellten.
Erduldung der Beschallung durch den Chef unter Einnahme einer erbärmlichen Körperhaltung.
Gelöbnis der Besserung des Substituten.
Abgang mit ehrfürchtigem Bückling.
Sein einziger Kontakt nach draußen waren lose Verbindungen zu einigen Altersgenossen aus dem Lehrerkollegium, mit denen er sich einmal im Monat zu einem Glas Wein traf. Sonst hatte er keine richtigen Freunde, eigentlich nie gehabt, denn niemand konnte es auf Dauer ertragen, seine abendfüllenden Erörterungen über naturwissenschaftliche Phänomene anzuhören.
Über das alltägliche Leben mit seinen mannigfachen Seiten kannte er sich nicht aus und redete deshalb auch nicht darüber.
„Fünfzig Jahre bist du nun alt, und du hast nie eine Frau gebraucht, warst sogar stolz auf dein Junggesellendasein und hast in vollen Zügen deine Unabhängigkeit genossen. Aber was sollte dein Verhalten gestern bedeuten?“ sann er, während er vorsichtig etwas Trockenfutter in sein gepflegtes Aquarium streute.
Abwesend beobachtete er, wie die seltenen Zierfische auf die Brösel zuschossen und sich nach einigen Schnappern gemächlich wieder absinken ließen.