Leseprobe aus "Denk´ nach, Harry:
Trotz der Erleichterung nach Jochens Anruf hatte ich sehr schlecht geschlafen. Ständig war ich aufgewacht, weil ich fror, aber gleichzeitig schwitzte und meine Kehle völlig ausgetrocknet war. Ich stand deshalb schon sehr früh auf, fühlte mich schlapp und zitterte am ganzen Körper. Meine Gliederschmerzen, der Schüttelfrost und das Fieber wurden so stark, dass ich mich schon bald wieder auf die Wohnzimmercouch niederlegen musste. Sogar die Haare schienen mir jetzt weh zu tun! Ich deckte mich mit einer dicken Wolldecke zu, und immer, wenn ich gerade mal nicht vor Kälte bibberte, übermannte mich die Müdigkeit. Sollten sich heute, an meinem zweiten Tag ohne Sprit, doch Entzugserscheinungen bemerkbar machen?Wenn ja, wäre das der endgültige Beweis für meine Krankheit, an der ich immer noch meine geheimen Zweifel hatte. Es war mir egal.Trotz des erbärmlichen körperlichen Zustandes war ich geradezu euphorisch, weil ich scheinbar doch fähig gewesen war, mich mit dem Problem Alkoholismus wenigstens auseinander zu setzen. Außerdem wartete das Gespräch mit Jochen an diesem Abend auf mich, und ich war schon sehr gespannt darauf. Den ganzen Tag verbrachte ich auf dem Sofa vor dem Fernsehgerät und versuchte immer wieder vergeblich, ein wenig zu schlafen, bis Jutta am Spätnachmittag mit den Kindern zurückkam. Meine Gliederschmerzen wurden immer stärker. Jetzt kamen auch noch fürchterliche Bauchkrämpfe hinzu. Schließlich musste ich mich mehrmals übergeben und bekam auch noch Durchfall zu meinen Beschwerden dazu. Ich aß nichts mehr und konnte so meiner Übelkeit ein wenig Herr werden. Das einzige, was ich mir nicht nehmen ließ, war Kaffee; der tat mir paradoxer Weise gut und blieb in meinem Bauch.
Eine weitere Leseprobe aus "Denk` nach, Harry":
Nach ungefähr einer Woche ohne Alkohol waren meine schlimmsten Entzugssymptome abgeklungen.
Ich fühlte mich zwar weiterhin schlapp und müde, bekam aber langsam wieder Appetit und konnte schon fast wieder normal essen.
Ich hatte in sieben Tagen elf Kilogramm Körpergewicht verloren und erschrak fast, als ich mich vor dem Spiegel betrachtete.
Meine Haut war schlaff, meine Muskeln ohne Spannung, aber es waren keine Tränensäcke oder Hautschuppen wie früher an einem verkaterten Morgen mehr zu sehen.
Das gab mir Auftrieb.
Ich war mir sicher, dass ich wieder in Form kommen würde.
Eines Abends rief mich Jochen an und richtete mir aus, dass ich am 3. Januar zur Entgiftung im Krankenhaus angemeldet sei.
Dieser Termin war zunächst noch weit aus meinen Gedanken verbannt. Je näher der Tag aber rückte, desto unruhiger wurde ich und suchte ständig nach Ablenkung.
Eine fast schon logische Konsequenz aus meiner zerrissenen Situation heraus war, dass ich zu diesem Zeitpunkt innerlich an eine Gemeinschaft geriet, die sich um einen angeblichen Hellseher scharte. Ich kaufte Meditationskassetten, Schallplatten, Brevier, Kalender und so vieles mehr. Alles, was darin von mir verlangt wurde, wandte ich gehorsam und den „Geboten“ entsprechend an und war nahe daran, nach und nach meine Persönlichkeit zu verleugnen. Ich war wie gebannt von der Vorstellung, nur an diesen Menschen und sein Wirken glauben zu müssen, um wieder inneren Frieden, Gesundheit, eine intakte Familie und so vieles mehr zu erhalten.
In meinem Wahn bedachte ich allerdings nicht, wie viel Geld mich das kostete und wie gefährlich es doch für meine Entwicklung war.
Neue Leseprobe:
Die Visite kam.
Ein Milchbart von Assistenzarzt bekam meine Akte gereicht und blätterte unschlüssig darin herum.
„Warum sind Sie hier?“ fragte er, ohne mich dabei anzusehen.
„Zum Entgiften.“
„Wann haben Sie denn zuletzt Alkohol getrunken?“
„Am 20. Dezember.“
„Aber dann haben Sie doch gar kein Gift mehr im Körper! Was wollen Sie dann noch von uns?“
Ich war unsicher, weil ich doch von Jochens Ratschlägen befangen war, erst einmal in einer Klinik zu entziehen; im Grunde wusste ich aber nicht Bescheid, wie das vor sich gehen sollte.
Verzweifelt fuhr ich den Arzt an: „Sie müssen doch wissen, wie mit einem Alkoholiker zu verfahren ist! Was weiß ich denn..., spülen Sie mich mit Infusionen durch, machen Sie die notwendigen Tests...!“
„Gut“, antwortete er knapp, klappte mein Krankenblatt zu und verschwand ohne ein weiteres Wort.
Den ganzen Nachmittag geschah nichts.
Ich lag auf dem Bett und las oder spazierte ins Raucherzimmer.
Niemand kümmerte sich um mich.
Am Abend bekamen wir einen dritten Zimmergenossen hinzu. Es war ein glatzköpfiger Mittsechziger, den ich mir wegen seines barschen Tonfalles und seiner ganzen Art gut in einer Nazi-Uniform vorstellen konnte. Ich schwankte ihm gegenüber zwischen Ablehnung und Mitleid, da er aufgrund eines Schlaganfalles sehr verwirrt war und wohl deshalb so schrie.
Während der ganzen Nacht konnte ich kaum schlafen, weil er immer wieder aus dem Bett stieg, auf den Boden knallte und ich ihm immer wieder auf die Beine half.
Außerdem kam fast stündlich eine Schwester ins Zimmer getrampelt, um bei ihm den Blutdruck zu messen.
Am nächsten Tag wurde ich dann von einer Abteilung zur anderen geschickt. Man durchleuchtete mich, nahm mir Blut ab usw. und fand schließlich heraus, dass ich kerngesund sei. Meine Werte waren alle im Normbereich, nicht einmal ein bisschen erhöht!
Man eröffnete mir, dass ich am 5. Januar wieder entlassen werden könne.
Und so war es dann auch. Am nächsten Tag holte mich Jutta mit den Kindern wieder aus dem Krankenhaus ab.
Eigentlich hatte ich erwartet, dass sich meine Frau und meine Kinder über meinen körperlichen Zustand und meine frühzeitige Entlassung ebenso freuten wie ich; stattdessen schlug mir eine Wand des Misstrauens entgegen.
Ein herber Rückschlag für mich.